Ungeplante Hausgeburt in 15 Minuten

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livia88
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Ungeplante Hausgeburt in 15 Minuten

Beitragvon livia88 » Mi 16. Aug 2017, 15:53

Wie auch schon in der ersten Schwangerschaft hatte ich in der 35. Woche vorzeitige Wehen. Über Stunden hatte ich im Fünfminutentakt einen harten Bauch, allerdings schmerzfrei. Ich ging vorsichtshalber ins Spital, wo ich 5 Stunden bleiben musste, abwartend, ob die Geburt nun losgehen würde oder ich wieder nach Hause durfte. Zum Glück konnte ich trotz noch recht unruhigem Bauch und dem Befund „Muttermund bereits 2 cm geöffnet, Gebärmutterhals verkürzt“ wieder nach Hause. Ich wurde mit den Worten verabschiedet „Hoffentlich sehen wir uns nicht eher als in 1-2 Wochen“. Ich müsse mich unbedingt schonen, hiess es. Mein Wunsch war es, im Geburtshaus zu entbinden, doch dazu musste ich die 38. SSW erreicht haben, ab dann zählt das Bébé nicht mehr als Frühgeburt. Mein Mann und ich erstellten mit unseren Eltern einen 24h-Pikettplan, wer zu unserer Tochter schauen wird, wenn die Geburt losgehen würde. Die Geburt unserer ersten Tochter dauerte nur 3,5h, also recht schnell für eine erste Geburt. Wir rechneten also mit einer recht raschen zweiten Geburt. Für den Fall, dass das Bébé zu früh kommen würde oder falls die Geburt sehr schnell gehen würde und es uns nicht ins Geburtshaus, welches 30 Minuten entfernt liegt, reichen würde, wünschte ich noch eine Anmeldung im Spital meiner Stadt.

Die Zeit bis zum 7.7.17 – dann war die 37. SSW vollendet – war eine Zeit der Unruhe und des Hoffens, dass das Bébé noch drinbleiben mag, es soll sich noch fertig entwickeln können. Ich konnte mir jeden Tag für einige Stunden etwas Unterstützung organisieren, damit ich nicht den ganzen Tag alleine zu unserer 2-Jährigen schauen musste. Arbeiten durfte ich nicht mehr. Doch es war sehr anstrengend, denn auch mit der ganzen Unterstützung, spürte ich immer wieder stark meine Grenzen, physisch, wie auch psychisch. Ich hatte immer wieder Vorwehen, zum Teil wieder im Fünfminutentakt, immer wieder andere Wehwehchen. Mit einer Hypnose-CD, die ich mit einer Hebamme zur Geburtsvorbereitung machte, konnte ich mich einigermassen entspannen.
Der 7.7. ging vorüber und das Kind blieb drin. Von jetzt an durfte es kommen. Nun konnte ich ohne schlechtes Gewissen mit den geburtsvorbereitenden Massnahmen starten wie Himbeerblättertee, Leinsamen, Epino und Heublumendampfsitzbäder. Ich genoss noch die Flexibilität, die spontanen Ausflüge, die ich mit meiner Tochter unternehmen konnte und dachte, wir müssen das nun noch etwas geniessen, das Bébé solle uns noch einige Tage Zeit lassen. Meine ältere Tochter war mit 38 0/7 geboren worden, so dachten wir, das Kleine wird bestimmt auch um diesen Zeitraum kommen. Als auch dieses Datum verstrich, wurden wir langsam nervös. Seit drei Wochen mussten wir ständig mit dem Geburtsbeginn rechnen, doch es ist noch nichts passiert. Wir machten grössere Spaziergänge, ich trank Verveine- und Ingwertee, wir probierten diverses aus, um den Wehen evtl. noch den letzten Anstoss zu geben.

21. Juli: Ein heisser Tag, wir gingen schon Frühmorgens in die Badi. Vom Wasser hielt ich mich fern, da ich schon seit einigen Tagen ein Jucken in der Scheide verspürte und den Verdacht hatte, dass ich einen Infekt habe. Um 14 Uhr hatte ich einen Termin im Spital, um einen Abstrich machen zu lassen (meine Frauenärztin war abwesend). Ich wartete satte 2 Stunden bis ich dran kam und erhielt schliesslich die Diagnose vaginaler Mischinfekt, welchen ich 6 Tage mit Vaginalzäpfchen behandeln soll. Diese soll ich jeweils nachts einführen, doch ich hielt das Jucken kaum mehr aus und so führte ich das erste zu Hause gleich ein. Nach dem Abendessen gingen wir noch eine Stunde spazieren, meine Tochter und ich spielten sogar Fangen. Um 22 Uhr waren mein Mann und meine Tochter eingeschlafen. Ich legte mich kurz vor 23 Uhr neben die beiden ins Bett. Auf meiner Seite des Bettes ist nun schon seit einem Monat ein Matratzenschutz, denn die Geburt der älteren Tochter startete mit Blasensprung, während ich schlief.
23 Uhr: Zack! Ein reissendes Knacken durchfuhr meinen kugelrunden Bauch. Das Gefühl kannte ich und so wartete ich auf das warme Fruchtwasser zwischen meinen Beinen, welches dann auch gleich darauf folgte. Ich packte meinen Mann an der Schulter und zischte: „Die Fruchtblase ist geplatzt!“ Während ich den Satz wiederholte, verhärtete sich mein Bauch bereits sehr unangenehm, ich musste tief atmen und etwas stöhnen. Ich sagte, er soll meiner Mutter aufs Handy anrufen, selber traute ich es mir nicht mehr zu, ich konnte kaum mehr sprechen. Kurz darauf stand ich auf und ging zur Toilette, damit das Fruchtwasser vor allem dort abfliessen kann. Es kam gleich alles zusammen raus: Fruchtwasser, Urin, Stuhl. Statt meiner Mutter nahm mein Vater ab, sie war unterwegs und hatte wohl das Handy zu Hause liegen gelassen (ausgerechnet jetzt, nachdem sie es einen Monat lang selbst zum Briefkasten mitnahm...!) Mein Vater wolle sich gleich auf den Weg machen. Mein Mann fragte mich, ob er nun beim Geburtshaus (30 Minten entfernt) oder beim Spital (7 Minuten entfernt) anrufen soll. Ich brachte knapp „Spital“ heraus. Während er mit der Hebamme telefonierte stand ich auf und hielt mich am Waschbecken fest. Dort würgte ich heraus:“Ich muss jetzt schon pressen!“ Die Hebamme sagte zu meinem Mann, er soll gleich der Ambulanz anrufen. Während ich am Waschbecken stand, kam mir in den Sinn, dass ich nun wohl lieber in die Hocke gehen sollte - nebst einer Wassergeburt, die Geburtsstellung meiner Wahl. Mein Mann wollte im Auftrag der Sanitäter einiges von mir wissen, z.B. „Wie oft kommen die Wehen?“ „SEHR OFT!“ „Wie stark sind die Wehen?“ „STARK!“ Ich fasse mir zwischen die Beine und spürte den Kopf des Kindes. Der Damm war voll gespannt, ich spürte die feinen Haare und sagte: „Das Baby kommt!“ Mein Mann sagte ins Telefon, dass das Baby nun kommt und hängte auf. Er machte einen Handgriff zum Schrank rüber, schmiss einen Haufen Frotteetücher auf den Boden und sah, dass der Kopf bereits draussen war. Er feuerte mich an für den Rest unseres Kindes „Weiter weiter weiter!“ Ich presste erstmals aktiv mit und nach einigen Sekunden glitt unser Kind sanft in die Hände seines Vaters. Es lag da, auf dem Boden unseres Badezimmers, mein Mann und ich starrten uns mit aufgerissenen Augen an und flehten: „Atme, atme!“ Ein leises Wimmern, ein Schluchzen, der Brustkorb des kleinen Wesens hob und senkte sich. Wir sahen uns erleichtert an und ich legte das Kleine auf meine Brust, deckte uns gemeinsam zu. Mein Mann schaute in unser Schlafzimmer gleich neben an – die 2-Jährige schläft noch immer seelenruhig. Dann informierte er meinen Vater und die Ambulanz, dass das Kind bereits geboren sei. Mein Vater traf etwa 2 und das Ambulanzteam, inklusive Hebamme etwa 5 Minuten später ein. Ich zitterte am ganzen Körper, war wie benebelt vom Hormoncoctail, welcher mein Körper ausgeschüttet hatte, aber ich fühlte mich sehr gut. Ich konnte mich an keinerlei Schmerzen bei der Geburt erinnern. Die Hebamme kam gleich zu mir und gratulierte mir. Sie strahlte solch eine Wärme und Zuversicht aus, dass mir richtig wohlig wurde. Es war eine gute Stimmung in unserer Wohnung in dieser speziellen Situation. Die Hebamme machte alles bereit, damit mein Mann die Nabelschnur durchtrennen konnte. Unser Kind wurde mir danach von einem Sanitäter abgenommen, welcher es untersuchte. Nun weinte es recht laut. Er fragte, ob wir schon gesehen haben, ob es ein Junge oder ein Mädchen sei. Es wäre uns nicht in den Sinn gekommen nachzuschauen, wir waren einfach nur glücklich, dass das Kind gesund wirkte. „Es ist ein Mädchen!“ verkündete er uns. Die Hebamme versuchte danach, die Plazenta zu ziehen, doch die wollte nicht kommen. Dann rief meine Mutter an, welche völlig aus dem Häuschen zu sein schien. Ich sagte, dass das Kind bereits geboren sei, zu Hause. Sie konnte es kaum glauben und wolle sofort kommen. Ich sagte, wir würden allerdings bald Richtung Spital aufbrechen, sie soll sich beeilen. Anhand der Telefonanrufe rechneten wir aus, dass die Geburt insgesamt kaum mehr als 15 Minuten gedauert haben kann! Wir machten alles bereit, um zum Spital zu gehen, transportiert wurde ich auf einem Schragen – eigentlich völlig übertrieben. Bei der Tür kam meine Mutter daher gerannt. Sie wollte mit ins Spital kommen, sie könne sich nun unmöglich gleich wieder verabschieden. Sie hatte bis vor 25 Jahren als Hebamme gearbeitet und kam gleich wieder ins Element. Mein Vater blieb bei der grossen Tochter. Im Spital konnten wir in einen Gebärsaal gehen, wo ich und meine Tochter von einer Ärztin untersucht wurden. Da die Plazenta noch immer nicht kam, wurde mir ein Wehenmittel gespritzt und ich musste noch einmal gebären. Im Gegensatz zur Geburt meiner Tochter, nahm ich nun die Schmerzen ganz bewusst wahr, es war sehr unangenehm. Ich sagte, dass ich gerne so bald wie möglich wieder nach Hause möchte. Wir sollen doch noch die Nacht hier verbringen und wenn alles gut ist, können wir am Morgen nach Hause. Wir konnten nun endlich den ersten ruhigen Stillversuch starten. Mit etwas Hilfe meiner Mutter klappte es dann. Sie verabschiedete sich gegen 2 Uhr. Mein Mann blieb bis etwa halb vier, nachdem das Bébé und ich in ein Übergangszimmer bei den Gebärsälen wechseln konnten. Die Kleine schlief die ganze Nacht, doch ich konnte vor lauter Adrenalin kein Auge zu tun, grinste nur ständig glücklich vor mich hin. Am Morgen kamen mein Mann und die ältere Tochter schon in aller Frühe uns besuchen. Die Grosse war so aufgeregt und stolz über ihre kleine Schwester. Nach dem Frühstück konnten wir schliesslich alle zusammen nach Hause gehen.

Ich bin sehr glücklich, dass ich solch eine aussergewöhnliche, wunderschöne Geburt erleben durfte. Für mich und meinen Mann ist es als Paar ein ganz besonderes Erlebnis. Als wir merkten, dass das Kind noch zu Hause kommen wird, haben wir die Situation voll und ganz annehmen können und somit die Geburt ohne Hektik, in Privatsphäre erleben können.

schlumpfmuus
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Re: Ungeplante Hausgeburt in 15 Minuten

Beitragvon schlumpfmuus » Mi 16. Aug 2017, 21:55

Wuuuunderschön! Gratuliere!!
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Leela
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Re: Ungeplante Hausgeburt in 15 Minuten

Beitragvon Leela » Mi 16. Aug 2017, 22:28

Wie schön, herzliche Gratulation, toll habt Ihr diese Situation gemeistert!
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shaas
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Re: Ungeplante Hausgeburt in 15 Minuten

Beitragvon shaas » Do 17. Aug 2017, 10:54

Unglaublich - ihr habt diese ausgewöhnliche Situation wirklich super gemeistert! Herzliche Gratulation!
Im Januar 2016 unser grosses Wunder - unsere Maus.
Im Juli 2017 ein Sternchen - für immer in unseren Herzen.

Manjana
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Re: Ungeplante Hausgeburt in 15 Minuten

Beitragvon Manjana » Do 17. Aug 2017, 13:30

Wow was für eine Geburt! Das habt ihr wirklich super gemacht! Erholt euch gut und alles Gute für euch vier :-)

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Strandeule
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Re: Ungeplante Hausgeburt in 15 Minuten

Beitragvon Strandeule » Mo 4. Sep 2017, 22:24

Ein schöner Bericht. Ihr habt das super gemeistert.
Meine Autokorrektur hat seine eigene Einstellung zur Rechtschreibung
Unsere kleine Maus im Mai 2016

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Trix
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Re: Ungeplante Hausgeburt in 15 Minuten

Beitragvon Trix » Mo 4. Sep 2017, 22:37

Herzlichen Glückwunsch! Dein Geburtsbericht erinnert mich stark an die Geburt unserer zweiten Tochter, auch sie kam ungeplant zu Hause im Badezimmer zur Welt:-)
Viele Grüsse
Trix
mit grossem Töchterchen *1/2014 und kleinem Töchterchen *3/2016

Gumseli83
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Re: Ungeplante Hausgeburt in 15 Minuten

Beitragvon Gumseli83 » Di 19. Sep 2017, 10:57

Oh wow! Herzliche Gratulation!

Unser Sohn kam sehr zügig und ich hab auch etwas bammel davor, sollte sich unser zweites Wunder für ein solches Tempo entscheiden...
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DieMama
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Re: Ungeplante Hausgeburt in 15 Minuten

Beitragvon DieMama » Mo 16. Okt 2017, 14:07

Als ich jetzt deinen Beitrag gelesen habe, habe ich am ganzen Körper Gänsehaut bekommen. Wunderschön! Ich wünsche der Familie von ganzen Herzen alles liebe und erdenklich gut.

chirana
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Re: Ungeplante Hausgeburt in 15 Minuten

Beitragvon chirana » So 5. Nov 2017, 10:16

Wunderschön und macht mir gleich etwas Mut. Wenn die Geschwindigkeit meiner Geburten zunimmt wird mir das wohl bei der Nächsten ähnlich gehen. (erste Geburt von der ersten Wehe bis zur Geburt ca 8h, bei der zweiten 1.5h...)
Bild Bild Bild


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